Hanspeter Dähler
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Dorothee Schellhorn

Keruan III

2005, Porzellan / Porcelain

458 x 150 cm

Das weisse Quadrat V

2007, Porzellan

80 x 80 cm

Still Life VII

1998, Ton / Clay

120 x 30 cm

Dorothee Schellhorn nimmt im keramischen Kunstschaffen eine besondere Position ein. Zwei Merkmale springen unmittelbar ins Auge. Da ist erstens: das Gefäss, die Vase und zweitens: das Wandobjekt. Die Farbe als dominantes und verbindendes Phänomen bezieht die Wand in den Gestaltungsprozess mit ein. Eine Kunst also, bei der die einzelnen Objekte zwar ihre volle Eigenexistenz bewahren, aber zugleich im Kontext miteinander einen künstlerischen Erlebnisraum schaffen.

„Malerei auf Ton“ war das Thema einer ihrer früheren Ausstellungen. Weissbrennender Ton ist der Farbträger dieser Malerei. Die Verbindung von Keramik und Malerei ist ein Grundanliegen der Künstlerin und steht in der beeindruckenden Tradition der antiken Vasenmalerei. Die Farben sind keramische Produkte, Metalloxyde und deren industriell hergestellten Farbpigmente, die sie mit diversen Zutaten zu ihrer sehr eigenen Farbskala verarbeitet und mit breiten Pinseln aufträgt.
Durch mehrstufige Brennprozesse in oxidierender Atmosphäre verschmelzen die Farbmischungen mit dem weissen Untergrund. Sie werden feuerfest und lichtecht, überdauern die Zeiten. Auf glasierende Behandlung der Oberfläche wird bewusst verzichtet, um die Farbpigmente direkt zur Wirkung zu bringen.

Neben klassischen Gefässen, die in ihrer additiven Reihung ein eigenes Still-Leben entwickeln,
gestaltet Dorothee Schellhorn aus quadratischen oder rechteckigen Hohlformen, die auch bemalt werden, ganze Wandbilder oder Reliefs. Wandgestaltung steht ebenfalls in einer langen Traditionskette, von der primär dekorativen römischen Wandmalerei über die erzählerische Freskenkunst der Renaissance bis hin zu den abstrakten Arbeiten amerikanischer Künstler wie Robert Mangold oder den „Walldrawings“ von Sol LeWitt.

Damit ist angedeutet, dass Dorothee Schellhorn, seit ihren keramischen Anfängen, immer wieder die Ausstrahlung von Werken ihr intentional nahestehender Künstler zu assimilieren und auf ihre persönliche Art zu transformieren vermag. Die Verarbeitung solcher Einflüsse geschieht intuitiv – das begleitende Reflektieren bewahrt sie jedoch vor Beliebigkeit und stellt das Einhalten einer kontinuierlichen ästhetischen Absicht sicher.

Das grosse Wandbild „Keruan III“ besteht aus quaderförmigen, farbigen Hohlformen, die reliefartig die Wand strukturieren. Durch die im Bild integrierten farbigen Stirnseiten der einzelnen Elemente treten die Farben in den Raum hinaus. Beim Abschreiten des fünf Meter langen Ensembles wird der Farbrhythmus besonders intensiv erlebt, und die Betrachterin oder der Betrachter denkt dabei unwillkürlich an den Klang einer „Farborgel“. Der Name „Keruan“ führt – zunächst etwas überraschend – zur Inspirationsquelle dieser Arbeit. Es sind die Aquarelle von Paul Klee aus der Tunesienreise im Jahr 1914. Es gibt da Blätter, die ausgefüllt sind mit rechteckigen, wunderbar transparenten, zu einem mosaikartigen Muster gefügten Farbflächen. Vorwiegend ungegenständliche Malerei, die aber durch ihre Farbigkeit jene Atmosphäre des lichterfüllten südlichen Landes auf das Schönste zur Darstellung bringt. Nur da und dort Andeutungen von Kuppeln, Gebäuden oder gar Pflanzen und Menschen. Tief beeindruckt von dieser grossartigen Kunst nimmt Dorothee Schellhorn die Anregung auf und führt sie weiter, jedoch streng reduziert auf eine Rechteck-Geometrie. Die Neuinterpretation besteht in der fünfseitigen Farbigkeit der dreidimensionalen Keramikobjekte, die in ihrer additiven Komposition eine mediterrane Stimmung erzeugen.

Bereits ist das Stichwort gefallen, welches die Entwicklungstendenz der Künstlerin während der letzten zehn Jahre aufzeigt: Reduktion!

Reduktion: in der Form auf das einfache Quadrat und was die Farbe anbelangt: die Abkehr von fröhlicher Buntheit hin zur Monochromie – gewissermassen eine Grenzsituation, wie sie durch die beiden Arbeiten „weisses Quadrat 4x4“ und „weisses Quadrat 3x3“ dokumentiert wird. Ouadratische Porzellan-Elemente, in ihrem natürlichen Weiss belassen und, mit Zwischenräumen, zum Quadrat angeordnet. Ein Wandobjekt, welches anstatt von der Farbe von Licht und Schatten belebt wird.

Das Werk „farbiges Quadrat 2x2“, mit seiner durch die Farbe etwas gemilderten Strenge, wirkt wie ein Echo auf einen Bildausschnitt von Richard Paul Lohse. Allerdings frei von dessen dogmatischer Starrheit, erfreut es den Betrachter oder die Betrachterin durch die sinnliche Ausstrahlung.

„Buntes Quadrat V“ könnte man als mosaikartiges Flachrelief bezeichnen. Die viereckigen, farbigen Tonfragmente sind in freiem Wechselspiel an der Wand befestigt, durch die strenge Einfassung in einen offenen, quadratischen Rahmen jedoch gebändigt. Im Gegensatz zur dichten Packung der Elemente eines Mosaiks definiert hier die weisse Wand die Zwischenräume und gibt dem Werk die wohltuende Leichtigkeit.

Den von draussen eintretenden Besucher empfängt im Schaufenster der Galerie eine einladende Gruppe formschöner, in strenger Reihe angeordneter Vasen. Mit ihrer symmetrischen Zweifarbigkeit stehen diese gestalthaften Gefässe mit ihren Nachbarn in einem sie verbindenden, spannungsvollen Dialog. Die Sinnlichkeit ihrer Farben korrespondiert bruchlos mit jener der Wandobjekte.

Im hinteren Raum ist eine Vasengruppe auf spielerische Weise zu einem grossen Still-Leben auf einem Podest arrangiert. Die Künstlerin bekräftigt mit dieser Präsentation, dass sie sich nicht endgültig auf radikale Strenge und kühle Sachlichkeit festlegen lässt.

Alles in allem verlässt sich diese Kunst ganz und gar auf die Erscheinung und ihre Wirkung, die nicht auf die Ergründung eines verborgenen Tiefsinns angewiesen ist. Die Reduktion auf Prinzipien wie Licht, Farbe, räumliche Anordnung, Umgebung, Beziehung und Rhythmus verleiht dem gestalteten Raum die Aura der Heiterkeit einer Kunst, die der Schönheit der sinnlich erfahrbaren Welt verpflichtet ist.

Silvio Crola