Hanspeter Dähler
Schaalgasse 9
CH-4500 Solothurn
tel +41 (0)32 621 38 58



Öffnungszeiten (nur während Ausstellungen)
Mi / Do / Fr 14 -18.30 Uhr / Sa 14 -17 Uhr
und nach Vereinbarung


e-mail: info(at)kunstforum.cc

Johannes Nagel

Ausstellungsansicht

Träge Spuren

2017/18

Selten habe ich dabei an Blumen gedacht

2017, Porzellan, 159 x 200 x 40 cm, h 10 - 54 cm

Monument

2017, Porzellan

50 x 50 x 65 cm

orange blau

2017, Porzellan

50 x 40 x 61 cm

schwarz umrandet / blau orange I

2017, Porzellan

54 x 25 x 60 cm / 65 x 28 x 25 cm

kleines dystropisches Cluster

2017, Porzellan

33 x 34 x 42 cm

weisses Cluster

2017, Porzellan

50 x 58 x 62 cm

weisses Cluster

2017, Porzellan

50 x 58 x 62 cm

dunkel farbig

2017, Porzellan

38 x 28 x 28 cm

Farben

2015, Porzellan

h 52 cm

Grabungen

2014, Porzellan

verkauft / sold

Collection Musée Ariana, Genf, CH

1979 in Jena geboren
2001 Töpferausbildung bei Kinya Ishikawa in Val-David, PQ Kanada
2002-2008 Studium im Fachbereich Plastik/ Keramik bei Prof. Antje Scharfe, Karl Fulle und Martin Neubert an der HKD Burg Giebichenstein in Halle
2005 - 2006 Arbeitsaufenthalt im Shigaraki Ceramics Cultural Park, Shigaraki, Japan
2007 Studienaufenthalt an der Ohio University in Athens, Ohio, USA
Seit 2008 Werkstatt/Atelier in Halle
2008 Diplom der Bildenden Kunst/Keramik an der HKD Burg Giebichenstein in Halle
2009 Graduiertenstipendium der HKD Burg Giebichenstein in Halle
2009 Scotish Arts Council Crafts Residency in Cove Park, Schottland

Johannes Nagel Graben bis zum Grund

Seit Johannes Nagel mit dem keramischen Material arbeitet, also seit fast fünfzehn Jahren, gilt sein konzentriertes Interesse dem zentralen Gegenstand seiner Profession, dem Gefäss. Das ist nichts weniger, als der fortgesetzte Versuch, eine alte Kulturtechnik zeitgenössisch zu interpretieren. Dass er sich dabei archaisch anmutender Mittel bedient, ist weder für ihn noch für den Betrachter ein Widerspruch.
Zur Herstellung seiner Formen verwendet Johannes Nagel eine von ihm entwickelte Sandgusstechnik. Das Verfahren erinnert an das Ausgiessen von Hohlräumen, wenn Archäologen aufgelöste organische Artefakte sichtbar machen wollen. Bei Johannes Nagel beginnt die Arbeit mit Grabungen im Sand. Er benutzt dafür ausschließlich seine Hände. Es entstehen Hohlräume, die sich der Prüfung durch das Auge entziehen. Doch Kontrolle ist möglich. Die Performance des Grabens ist kein Akt spontaner Improvisation, sondern wird bestimmt von der Vorstellung über das gewünschte Ergebnis - Abweichungen und Überraschungen eingeschlossen und gewollt. Diese Arbeitsweise ist ein Paradebeispiel für die komplexe Wechselbeziehung von Hand und Hirn, die jeder aus eigener Erfahrung kennt. Immanuel Kant nennt die Hand „das äußere Gehirn des Menschen“. In seiner Anthropologischen Didaktik sagt er: „Der Sinn der Betastung liegt in den Fingerspitzen und den Nervenwärzchen (papillae) derselben, um durch die Berührung der Oberfläche eines festen Körpers die Gestalt desselben zu erkundigen.“ Die von Johannes Nagel gegrabenen Formen verdanken ihre Gestalt seinen tastenden Händen.
Der Hohlraum ist seine Matrize, in die er den Porzellan-Schlicker giesst. Der Sand entzieht der dickflüssigen Porzellanmasse das Wasser. Wie bei jedem Schlickerguss muss, wenn die gewünschte Wandstärke erreicht ist, das überflüssige Material ausgegossen werden. Beim anschliessenden Ausformen geht die Gussform zwangsläufig verloren - Wiederholung ist also ausgeschlossen. Das Prozedere des Grabens und Ausformens erinnert an das Laboratorium eines Alchimisten. Wenn wir jetzt an Tschirnhaus und Böttger denken, die mit Versuch und Irrtum das Geheimnis um das „Weiße Gold“ lüfteten und das erste europäische Hart- porzellan herstellten, dann ist dieser Vergleich nicht so weit hergeholt. Doch die Skulpturen von Johannes Nagel haben wenig mit den glatten Oberflächen herkömmlicher Porzellangefässe gemein, ihre Haut ist porös, rissig und rau und erinnern an „urtümliche Frühformen aus der Geschichte ihrer eigenen Gattungen“.
Alle Arbeiten von Johannes Nagel sind Antworten auf seine programmatische Frage: „Was für eine Funktion haben Gefässe heute, was kann ihr Inhalt sein?“ Es geht ihm nicht darum, benutzbare Gefässe herzustellen. Der Topos Gefäss ist, gleich einem rhetorischen Stilmittel, der zentrale Bezugspunkt seiner Arbeit und deren Ergebnis erkennbar mehr als nur das Zitat einer Gebrauchsform. „Beim Betrachten werden die mehr oder weniger deutlich erkennbaren Vasenformen mit einem vagen Gedächtnis der Evolution der Formen verglichen. Im Unterschied oder der Verschiebung liegt dann ihre Wirksamkeit. Das ist an sich auch bei den abstrakteren Formen so“, sagt Johannes Nagel. Diese Keramiken in der Spannweite zwischen vielleicht noch zu gebrauchender Zweckform und von allen praktischen Funktionen befreitem Kunstgegenstand tragen die Spuren ihrer Herstellung als Markenzeichen. Mit Vorliebe arrangiert Johannes Nagel seine Objekte zu kleinen oder größeren Tableaus. Hier wird die Wahlverwandtschaft seiner Formen deutlich sichtbar.

Auszug aus einem Text von Renate Luckner-Bien, erschienen in ART AUREA 4/2017

Johannes Nagel Digging to the bottom

Ever since Johannes Nagel began working with ceramic mate- rials, which is now almost fifteen years, his main interest has been dedicated to the central object of his profession: the vessel. That is but the continuous attempt to reinterpret an ancient cultural technology in contemporary terms. The fact that he employs seemingly archaic means is not in any way inconsistent to either himself or to the viewer.
For the production of his forms Nagel uses a sand casting technology he developed himself. The procedure is reminiscent of the spouting of cavities archeologists do when they want to ren- der dissolved organic artifacts visible. Nagel begins his work with excavations in sand. For this he only uses his hands. He creates cavities that cannot be examined by sight. Yet control is still possi- ble. The digging is not an act of spontaneous improvisation but is implicated in an idea of the desired outcome, including some mea- sure of divergence and surprise. This practice is a prime example of the complex interrelationships of hand and brain that we all know from first-hand experience. Immanuel Kant described the hand as “the visible part of the brain.” In his Anthropological Di- dactic he writes: “The sense of touch lies in the fingertips and their nerves (papillae) in order to discover by touching the outside of a solid body its peculiar form.” The forms dug by Johannes Na- gel owe their shape to his groping hands.
The cavity is his matrix into which he pours the porcelain slip. The sand drains the viscous porcelain mass of its water. In all slip casting methods the superfluous material has to be poured out once the desired wall thickness has been attained. During the en- suing shaping the casting form is necessarily lost-thus precluding repetition. The procedure of digging and shaping recalls an alche- mist's laboratory. If we are thinking here of Tschirnhaus and Bött- ger, who, by trial and error, uncovered the secret of the “white gold” and produced the first European hard porcelain, the com- parison is not so far-fetched. However, Johannes Nagel's sculp- tures with their porous, crazed and rough skin have little in com- mon with the smooth surfaces of conventional porcelain vessels. They remind Ilka Rambausek of “primeval shapes from the history of their own species.”
All works by Johannes Nagel are answers to his programmatic question: “What is the function of vessels today, what could be their content?” He is not concerned with manufacturing usable vessels. Rather, vessel as a topos, like a rhetorical device, is the central point of reference of his work, while its result is more than just the citation of the shape of a utensil. “In their observation the more or less clearly recognizable vase shapes are compared to a vague recall of the evolution of forms. Their efficacy, then, lies in the difference or the shift. The same is true in principle of the more abstract forms,” says Johannes Nagel. These ceramics fall within a spectrum between a functional form that might just about still be usable and an art object that has been liberated of all practical functions, yet they carry the traces of their manufacture like a signature label. Johannes Nagel delights in arranging his ob- jects into smaller or larger tableaux. Here, the elective affinity of his forms becomes clearly visible.


Extract from a text written by Renate Luckner-Bien, published in ART AUREA 4/2017