Hanspeter Dähler
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Violette Fassbaender

Erkaltet

2012, verschiedene Porzellanmassen, Manganton, Steinzeug

52 x 32 x 40 cm

Aus den Fugen

2016, verschiedene Porzellanmassen, Manganton, Steinzeug

54 x 22 x 38 cm

verkauft / sold

Kreuzundquer

2016, verschiedene Porzellanmassen, Manganton, Steinzeug

45 x 24 x 36 cm

verkauft / sold

Kristallin

2016, verschiedene Porzellanmassen, Manganton, Steinzeug

41 x 23 x 32 cm

Packeis

2016, verschiedene Porzellanmassen, Steinzeug

48 x 25 x 37 cm

verkauft / sold

Schwarze Ader I

2012, verschiedene Porzellanmassen, Manganton, Steinzeug

37 x 30 x 30 cm

Verwehung

2010, verschiedene Porzellanmassen, Steinzeug

32 x 23 x 25 cm

Mündung

2016, verschiedene Porzellanmassen, Manganton, Steinzeug

45 x 27 x 31 cm

verkauft / sold

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Fuge

2016, verschiedene Porzellanmassen, Steinzeug

38 x 26 x 37 cm

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Schwarze Ader II

2014, verschiedene Porzellanmassen, Manganton, Steinzeug

37 x 23 x 34 cm

Ihr grösstes Interesse, sagt Violette Fassbaender, gelte dem Ton als solchem. Sie liebe das sinnliche Gefühl dieses Materials und suche diese Liebe durch ihre Arbeit auszudrücken. Auch Strukturen interessieren sie und der Rhythmus von Strukturen - von Kontrasten allzumal. Als Vorbild dient ihr dabei die Natur; nicht umsonst hat man Violette Fassbaenders Plastiken mit Naturerscheinungen wie Gesteinsbrocken und Felsstücken in Verbindung gebracht. Auch Gewässer sind seit je eine Inspirationsquelle für sie. Als Kind verbrachte sie die Wochenenden und Ferien häufig am Bodensee. Wie Reminiszenzen an kindliche Eindrücke aus dieser Zeit will das Wechselspiel von matten und glänzenden Partien in vielen ihrer Keramiken erscheinen: Spiegelnden Wasserflächen gleich überziehen polierte Bereiche die Volumen.

Der Beruf der Keramikerin war ihr nicht in die Wiege gelegt. Beide Eltern waren professionelle Musiker; während meines Besuchs in Violette Fassbaenders Wohnung und Atelier in ihrem Elternhaus am Rande der Basler Altstadt, in dem sie nach längerer Abwesenheit wieder lebt, wehten die Klänge einer Klaviersonate durchs Gebäude. Wie sich später herausstellte, kamen sie nicht aus Lautsprecherboxen. Ihre Mutter hatte am Flügel ihren geliebten Schumann gespielt.

Eher zufällig führte ihr Lebensweg Violette Fassbaender zur Keramik: Um ihre spätere Bestimmung zu finden, musste sie erst nach Japan reisen. In jungen Jahren interessierte sie sich für die Kunst; auch eine naturwissenschaftliche Disziplin wäre als Studienfach infrage gekommen. Aber nach dem Abitur reiste sie erst einmal nach Fernost. Durch Zufall nahm sie in Japan an einem Töpferkurs teil und fand auf Anhieb Gefallen am Gestalten mit Ton. 1978, mit zwanzig Jahren, begann sie eine zweijährige Keramikfachausbildung am Tekisui-Institut in Ashiya. Später lernte sie Takako Araki kennen, seinerzeit eine Pionierin der Keramik-Avantgarde in Japan. Deren zentrales Thema war die Bibel, die sie als Buchruine in wechselnden Stadien des Verfalls gestaltete: mit versengten Seiten, zerschlissen, zu Staub verfallend. Was alle materielle Hinfälligkeit überdauert hat und weiter überdauern wird, so die Botschaft der keramischen Plastiken, ist der Geist des "Buchs der Bücher".

Violette Fassbaender wurde Takako Arakis Assistentin und blieb es - bis 1986 - fünf Jahre lang. So wie sich ihre Lehrerin von der vielleicht grundlegendsten geistigen Schöpfung der westlichen Zivilisation inspirieren liess, erlangte für sie, die Schülerin, das östliche, japanische Erbe Bedeutung. Was sie an japanischer Keramik besonders fasziniert, ist die Einheit von Idee, Material und Technik. Während eines längeren Zeitraums, in dem sie noch suchte, strebte sie danach, ihre östlichen Erfahrungen zu verarbeiten, ohne das japanische Vorbild bloss oberflächlich zu imitieren. Und nach einer Phase, in der sie sichvor allem derTeekeramik widmete, erkannte sie Anfang der 1990er-Jahre schliesslich in der freien plastischen Form ihre Bestimmung.

Am Beginn ihrer Formexperimente standen linsenförmige und halbkugelige Gebilde: harmonische Formen von zum Teil beträchtlicher Grösse, die die Ruhe und Kraft ausstrahlen, die sie in japanischen Tempelgärten fand. Im Schmauch- und Schwarzbrand, den sie von ihrer Lehrerin übernommen hatte, erhielten sie ihre eigentümliche Färbung.

Bei aller Harmonie im Grossen eignet den Formen gleichzeitig eine beträchtliche innere Dynamik. Die Oberflächen mancher teils tiefschwarzer geschmauchter Objekte zeigen Risse, Schründe und Brüche. Anderen Objekten gibt der Schmauchbrand in verschlossenen Kapseln mit Holzkohle, Kaffeesatz, Sägemehl und anderen Stoffen ihre charakteristisch dunkeltonig-bewegte Oberfläche. Die gemahnt im Wechselspiel von Hell und Dunkel häufig an geologische Formationen oder weckt Assoziationen von Wolken oder kosmischen Sternennebeln. Eine dritte Gruppe von Objekten vereint in sich beide Tendenzen: eine Halbkugelform etwa, auf deren geschmauchter Wandung Farben nebelhaft changieren, während die konkave rissige Einwölbung von gleichförmig mattem Schwarz ist.

Irgendwann wurden Violette Fassbaender diese harmonischen Formen zu einfach und spannungslos. So begann sie sie zu Anfang des neuen Jahrtausends aufzubrechen - eine Wendung ins Offene und gleichzeitig Unregelmässige. Seitdem modelliert Violette Fassbaender Objekte, die wie die eingangs erwähnten an Gesteinsbrocken gemahnen. Die skulptural anmutenden Formen entstehen in der Verbindung zweier gegensätzlicher Techniken: der Platten- und der Aufbautechnik. In die Platten werden verschiedene Ton- und Porzellansorten eingewalzt, die dank unterschiedlicher Materialeigenschaften wie Oberflächenstruktur und Färbung durch den Brand noch verstärkt werden und im Ergebnis "malerische" Effekte zeitigen. Spiralförmige Drehrillen erinnern an Ammoniten und andere Versteinerungen. Auch sonst zitieren die Oberflächen den geologischen Formenreichtum der Natur.

Die Integration unterschiedlicher Tonsorten hatte Violette Fassbaender von ihrer Lehrerin übernommen; sie ist bereits an den elliptischen und Halbkugelformen zu beobachten. Doch erst in den freien "Stücken" entfaltet sie ihre ganze Wirkung. Als Bozzetti für ihre zum Teil ausgreifenden Keramikplastiken entwirft Violette Fassbaender bisweilen kleine Modelle, die sie dann freilich nicht sklavisch umsetzt. Vielmehr wandelt sich im Verlauf der Ausführung die Formvorstellung auch häufig. Den Niedrigtemperaturbrand des Schmauchens ersetzt bei diesen Objekten der Reduktionsbrand bei 1250 Grad; so wird dem Zufall weniger Raum gelassen. Der Reduktionsbrand ergibt metallisch anmutende Oberflächen; eisenhaltige Tone erhalten eine Anthrazitfärbung.

In diesen skulpturalen Formen geht es Violette Fassbaender vor allem um den Ausdruck komplexerer Zusammenhänge und des labilen Gleichgewichts des Lebens. Spannung ist, wenn man so will, ihr Lebenselixier- schon in Titeln wie "Division", "Shift", "Polarity" klingt das an. Auch das Thema "Altern" spielt bei diesen Skulpturen mit ihren schrundigen, rissigen Oberflächen eine Rolle. Die mehrteiligen Stücke thematisieren überdies das Verhältnis von Besonderem und Allgemeinem, Teil und Ganzem. Diese zusammengesetzten Arbeiten haben häufig eine Anmutung, als habe sich ein organisches Ganzes, etwa ein Gesteinsbrocken, in mehrere Teile zerlegt. Die Teile sind dabei stets einerseits "Individuen", handelt es sich doch nicht wirklich um Bruchstücke, sondern um je individuell geformte Objekte. Gleichwohl bilden sie andererseits eine Einheit, insofern sie aus einer einzigen Platte entstanden sind und sich eine Struktur über die Teile hinweg durchhält.

Diese Formen kennen weder oben noch unten, vorn oder hinten. Mit anderen Worten: Es gibt hier keinen festgelegten Blickpunkt, von dem aus sie zu betrachten wären, vielmehr können sie von verschiedenen Seiten rezipiert und sogar auf den Kopf gestellt werden, da sie auf verschiedenen Punkten balancieren können. Bewegte sich die Farbskala bis vor Kurzem vor allem im Bereich von verschiedenen Braun-, Grau-, Anthrazit- und Schwarztönen, so entstehen neuerdings Objekte in Porzellanweiss von vielfältiger Schattierung.

Nach dem achtjährigen Zwischenspiel in Fernost lebt und arbeitet Violette Fassbaender seit nunmehr über zwanzig Jahren wieder in ihrer Heimat, aber die Verbindung zu dem Land, das sie so sehr fasziniert und geprägt hat, hat sie gewahrt. Mit ihrem Lebensgefährten Arnold Annen - auch er ein von der östlichen Ästhetik beeindruckter Keramiker reist sie fast jedes Jahr mindestens einmal nach Japan. Die vielen Einladungen zu Symposien und Ausstellungen zeugen von der Wertschätzung, die ihrer Arbeit dort entgegengebracht wurde und wird.


Dr. Hans-Dieter Fronz

Ces sculptures provoquent une alternance entre l'objet unique et l'objet faisant partie d'un tout. Il y a un jeu entre des objets fragments, éclats, éboulis, et des objets uniques définis dans l'imaginaire. Les sculptures font d'abord appel à des sensations de poids, en suggérant la pierre, le rocher, la pétrification. Et cependant, elles reposent souvent sur un seul point d'appui et se balancent dès qu'on y touche, et présentent ainsi une légèreté ouverte à toute vibration.
„Ce que j'essaie de faire, c'est de saisir les lois des formes et des structures produites par la nature, mises en relation avec ma propre volonté créatrice de formes plastiques. J'essaie d'approcher la naissance des formes issues du hasard et de l'effort conscient.“

Fassbaender is primarly concerned with enclosed volume expressed through the relationship between a free form and the kind of surface marking and coloration associated with rock strata. Her forms appear to have grown organically rather than being built in any kind of predetermined way, existing freely in time and space. She talks about the ambiguity of how to physically place her work; unlike a ceramic vessel it has no particular viewpoint and could just as easily be turned upside down or into its side.

She says: „I like something that's not fixed - you don't look at it and its fixed - you can change it. My biggest interest is in the clay itself - I like the feeling of raw clay and want my work to express that. I am interested in structure and the rhythm of structure; the rhythm of what I do intentionally and the rhythm that nature gives you. I work with the rhythm of contrast; the rhythm of different volumes; of fullness and flatness.“

Jane Perryman, from the book „Naked clay“